Camper Stories

Wandern an der Amalfiküste – Von Mobilheim zu Mobilheim

Steilklippen, die aus dem türkisfarbenen Wasser der tyrrhenischen See ragen. Dazwischen duftende Zitronenplantagen, Olivenhaine und bunte Häuser: Die Amalfiküste ist einer dieser Orte, die man erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe. Eigentlich also das perfekte Reiseziel, um zumindest für einen Moment so zu tun, als gäbe es nichts wichtigeres als Sonne, gutes Essen, nette Menschen und schöne Landschaften. Während draußen noch das recht ungemütliche März-Wetter in Berlin an meinem Fenster vorbeizieht, wähne ich mich schon unter der italienischen Sonne. Mein Entschluss steht fest: Mein nächster Trip geht an die Amalfiküste, in die Region Kampanien.

Camping an der Amalfi-Küste

Kein Ort für Wohnmobile und Caravans

Bei meiner Recherche stoße ich recht schnell auf ein Problem: Direkt an der Küste führt nur eine einzige Straße entlang, die berühmte "SS 163 Costiera Amalfitana". Bereits ein erster Blick auf Google Maps macht klar: Diese Straße als schmal zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung.

Mit einem normalen PKW und etwas Wagemut kann man die Straße abfahren. Alles was größer ist als ein VW-Bus, bekommt auf der SS 163 allerdings ernsthafte Probleme mit dem Gegenverkehr. In einigen Camping-Foren verraten ein paar Wagemutige, dass sie es trotzdem probiert haben, allerdings meist im Zusammenhang mit Beschreibungen wie "nervenaufreibend", "lebensmüde" oder "nie wieder". Ein neuer Plan muss her.

Wandern statt Fahren

Was ist das nächstbeste, als mit dem Wohnmobil durch die Weltgeschichte zu fahren? Richtig: die eigenen Füße zu nutzen. Die SS 163 selbst ist nur etwa 50 Kilometer lang und führt von Meta di Sorrento bis nach Vietri sul Mare. Allerdings ist das nur ein Teil der Amalfiküste. Wenn man alles sehen möchte, startet man Salerno ganz im Osten und kommt am Ende in Sorrent am nordwestlichen Ende der sorrentinischen Halbinsel an. Insgesamt sind das knapp 150 Kilometer. Verteilt auf sechs Etappen quer durch Kampanien, das macht das 25 Kilometer pro Tag. Als Reisezeit ist eine gute Woche zu empfehlen.

Mein Campingzelt, den Schlafsack und Vorräte spare ich mir, da mein Plan vorsieht, entweder im Mobilheim oder im gemieteten Zelt zu übernachten. Essen kann ich unterwegs. Die Städte an der Küste sind touristisch gut erschlossen und die italienische Küche hat ja nicht umsonst so einen guten Ruf. Als Reisezeit peile ich Ende Mai an, da die Temperaturen dann noch nicht zu heiß für eine mehrtägige Wanderung sind. Mit meinem Ultra-Light-Rucksack, leichtem Gepäck und eingelaufenen Wanderschuhen begebe ich mich auf den Weg.

Treppen hoch und Treppen runter

Wie geplant komme ich an einem Freitagabend Ende Mai in Neapel an. Von dort fahre ich direkt mit dem Zug nach Salerno, wo ich einen Freund treffe, der mich auf dem Trip begleitet. Salerno ist eine kleine, etwas verschlafene Hafenstadt. Am nächsten Tag steht die erste Etappe unserer Tour an. Sie startet in Vietri sul Mare, einem kleinen Dörfchen einige Minuten westlich von Salerno.

Das erste Stück unseres Weges laufen wir auf der "Strada Statale", die am Meer entlangführt. Rechts von uns erheben sich die mächtigen Felsen der Steilküste. Etwas versteckt zweigt ein schmaler Pfad von der Straße ab, der in steilen Treppenstufen nach oben führt – unser Weg nach oben. Auf einer kurzen Strecke überwinden wir knapp 500 Höhenmeter. Als wir keuchend innehalten, erkennen wir, dass wir erst auf halber Höhe sind. Wo ich mich vorher noch über das etwas frische Wetter beschwert habe, bin ich jetzt dankbar dafür. Ich möchte mir nicht ausmalen, diese Treppe mit vollem Gepäck ohne jeglichen Schatten im Sonnenschein hinaufzukraxeln.

Schließlich haben wir es geschafft und stehen erschöpft, aber zufrieden auf dem Monte dell'Avvocata. Auf etwas über 1.000 Metern hohen Berg haben wir einen wunderbaren Blick über die Küste. Salerno im Osten ist gerade noch so hinter einem Bergrücken zu erkennen. Den ganzen Weg hinauf ist uns keine Menschenseele begegnet und die kleinen Dörfer, die sich hoch über der Küste an die Felsen klammern, wirken wie ausgestorben.Der Weg führt weiter oberhalb eines großen bewaldeten Tals, an dessen Ende sich unser Tagesziel Maiori befindet. Ein Stück gehen wir auf ebener Strecke, dann wird mir allerdings klar: Da Maiori an der Küste liegt, müssen also den ganzen Weg auch wieder herunter. Als wir dort ankommen, belohnen wir uns mit einem kühlen Bier am Strand von Maiori. Für einen klitzekleinen Moment kommt sogar die Sonne hervor.

Wunderbare Aussichten in Ravello

Der nächste Tag verläuft ähnlich. Wir starten früh und müssen zunächst wieder einen steilen Pfad nach oben klettern, bis wir auf der Höhe sind, in der die eigentlichen Wanderwege, die "Sentieri" verlaufen. Ich versuche zwei Stufen auf einmal zu nehmen, aber die Treppen sind genau so konstruiert, dass sie immer ein Stück zu hoch dafür sind. Wir befinden uns auf dem "Sentiero dei Limoni", einem wunderschönen Weg zwischen Gärten und Zitronenplantagen und immer wieder tollen Ausblicken aufs Meer. Leider zieht sich der Himmel weiter zu und wir laufen im Nieselregen.

Bis nach Ravello in Kampanien geht es weiter bergauf. Ravello ist ein liebenswertes kleines Städtchen, das auf einer Art natürlicher Terrasse liegt und wunderbare Aussichten auf die umliegenden Weinberge und die Küste gewährt. Natürlich sind wir nicht allein – der Ort taucht in jedem Reiseführer auf und ist ein beliebtes Touristenziel. Im Unterschied zu uns lassen diese sich allerdings in einem Bus den Berg hochfahren. Kurze Zeit später sind wir wieder unterwegs auf dem Weg nach Amalfi, der früheren Hauptstadt der Provinz. Da es noch früh am Tag ist, beschließen wir einen kleinen Abstecher ins Hinterland zu machen. Auf meiner Karten-App habe ich den Aussichtspunkt "Santa Maria dei Monti" entdeckt.

Wir lassen die Küste hinter uns und laufen nach Norden. Zu unserer Überraschung geht es diesmal nicht über einen Treppenweg. Stattdessen erwartet uns ein steiniger Geröllweg, der sich steil den Berg hinaufwindet und durchaus alpinen Charakter hat. Nach einem kurzen Blick zum Himmel gehen wir trotzdem weiter. Keine ganz unbedenkliche Entscheidung – wenn es anfängt zu regnen, wird das zu einer einzigen Rutschpartie. Aber der Wettergott ist in gnädiger Stimmung. Nach gut zwei Stunden erreichen wir den Gipfel und bereuen kein bisschen, dass wir die Strapazen auf uns genommen haben.

Der prächtige Dom in Amalfi

In völliger Abgeschiedenheit befindet sich hier oben ein Hochplateau mit einem liebevoll gestalteten und gut gepflegten Marienheiligtum. Neben dem Maria-Bildnis hängt eine große Glocke und wir können es natürlich nicht lassen, zu läuten. Wie zur Antwort fängt es an zu regnen und wir schaffen es gerade noch so, in der verlassenen Schutzhütte Unterschlupf zu finden, von wo aus wir eine vorbeiziehende Schafherde beobachten.

Schließlich klart der Himmel auf und wir begeben uns auf den langen Rückweg nach Amalfi. Von hier oben hat man einen wahnsinnig tollen Blick auf das romantische Mühlental, das sich zwischen den bewaldeten Ausläufern der Berge erstreckt. Dort gönnen wir uns erstmal ein Eis – und staunen über die Preise. 5,50 Euro für eine Kugel, das ist selbst für die Touristenzentren Italiens ziemlich viel. Amalfi selbst ist ziemlich von Touristen überlaufen. Die Stadt ist aber durchaus sehenswert, vor allem der prächtige Dom im Zentrum. Nachdem wir das Touristenprogramm hinter uns gebracht haben, geht es weiter. Wir müssen erneut ein Stück auf der SS 163 laufen, die hier sogar noch schmaler ist als bisher. Kurios: Für Bürgersteige oder Fußwege ist kein Platz. Die Eingänge der Häuser führen direkt auf die Autostraße.

Agerola: Startpunkt des Sentiero degli Dei

Nach den Strapazen des gestrigen Tages entschließen wir uns, heute etwas kürzer zu treten. Unser Ziel ist Agerola, ein kleines Dorf am Ausgangspunkt des berühmten Wanderwegs "Sentiero degli Dei", dem Götterweg, den wir natürlich auch laufen wollen. Trotzdem heißt es zunächst wieder: Treppensteigen. Inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt. Meine Knie fühlen sich zwar schon etwas rostig an, aber immerhin müssen wir heute nur hinauf und nicht wieder herunter, da Agerola auf einem Berg liegt.

Wir kommen am späten Nachmittag an und werden von unserem Gastwirt Vincenzo begrüßt, der hier ein kleines "Agriturismo" betreibt. Das sind kleine, meist familiengeführte Unterkünfte in ländlichen Gebieten, die in der Regel recht preiswert sind. Außer uns wohnen dort gerade noch einige Amerikanerinnen, die auf Europatour sind. Ich unterhalte mich mit Allison, die aus Kansas stammt und eine Rundreise mit ihrer Tochter macht. Genau wie wir ist sie etwas über das regnerische Wetter erstaunt. Wohin es als nächstes geht, frage ich. Ihre Antwort: Rom, anschließend Frankreich, danach die Schweiz. Ein bisschen klischeehaft, aber vermutlich sind genau das die Orte, die ein Amerikaner aus dem mittleren Westen mit Europa verbindet. Ob sie auch nach Deutschland fährt, will ich wissen. Sie lacht. "Maybe next time I’m in Europe."

Am Abend ziehen dichte Nebelschwaden auf und rauben uns jede Sicht. Das Licht der Straßenlaternen im Dorf weiter unten verschwimmt in der weißen Suppe. Irgendwo bellt ein Hund. Nicht ganz, wie ich mir meinen Trip an die Amalfiküste vorgestellt habe. Aber die Wirklichkeit sieht ja immer anders aus, als in den Hochglanzprospekten der Reiseanbieter. Immerhin soll morgen das Wetter besser werden.

Zwischenstopp im hektischen Neapel

Am nächsten Tag ist es aber immer noch neblig und es regnet mal wieder. Definitiv nicht das richtige Wetter für den berühmtesten Wanderweg der ganzen Amalfiküste. Wir beschließen stattdessen einen Tag Pause einzulegen und einen Ausflug nach Neapel zu machen. In den Gassen der Altstadt stapelt sich teilweise der Müll, manche Plätze sehen aus wie eine Baustelle, die man irgendwann einfach sich selbst überlassen hat. Überall Motorradfahrer, auf den Straßen Wasserpfützen, die Luft ist stickig. Wenn Bangkok in Europa läge, würde es wahrscheinlich ein bisschen so aussehen wie Neapel.Trotzdem hat die Stadt einen gewissen Charme. Wir schlendern durch die Straßen, lassen das Treiben auf uns wirken und natürlich probieren wir eine echt neapolitanische Pizza. Nächstes Mal besuchen wir auch noch den Vesus am Rande der Stadt.

Dich zieht es eher in den Norden? Lies hier unsere Camper-Story, bei der ein Paar zu zweit im Van durch Skandinavien gefahren ist.

Auf den Spuren der Götter auf dem Sentiero degli Dei

Am Morgen kommt endlich die Sonne raus und das erste Mal seit unserer Ankunft lichten sich die Wolken. Wir packen unsere Sachen und freuen uns auf den "Pfad der Götter", dem Götterweg. Schon am Beginn des Weges, kurz hinter Agerola, sieht man die Karawane von Wanderern, die vollbepackt, mit Trekking-Stöcken ausgestattet. Kein Vergleich zu den bisherigen Wegen, die wir meist für uns alleine hatten. Der Grund dafür wird schnell klar: Der "Sentiero degli Dei" bietet fantastische Aussichten auf die gesamte Küste, ist gleichzeitig aber einfach zu begehen. Nennenswerte Höhenmeter müssen wir nicht überwinden. Viele Touristen lassen sich aber direkt bis zum Start fahren und am Ende vor dem Abstieg nach Positano wieder abholen.

Der Pfad ist schmal und verläuft nah an den Klippen entlang, schwindelfrei sollte man also schon sein. Etwa auf der Hälfte des Weges passieren wir einige Stellen, an denen man leicht kraxeln muss und dabei auch die Hände zur Hilfe nehmen muss. Die Treppenwege an den Vortagen waren aber deutlich anstrengender. Schon nach etwa drei Stunden ist der Spaß dann auch vorbei und ich ernüchtert. Das soll es jetzt schon gewesen sein? Klar, die Aussichten waren sehr schön, aber auch nicht bahnbrechend besser als das, was wir in den Vortagen gesehen haben. Für mich bestätigt sich hier, was ich schon öfter bemerkt habe: Die "typischen" Touristenziele, die man in jedem Reiseführer findet, sind zwar durchaus sehenswert. Die nicht ganz so bekannten Orte stehen dem meist aber in nichts nach und – haben den Vorteil, dass sie nicht annähernd so überlaufen sind.

Positano: Die Hauptstadt im Land der Treppen

Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Positano, einem weiteren Ort, der in jedem Reiseführer zur Amalfiküste steht. Von der Spitze der Klippen sieht die Stadt fast unwirklich aus. Die Küste ist so steil, dass bunten Häuser teilweise fast senkrecht übereinander gebaut sind, die durch Treppen verbunden werden. Der Abstieg nach Positano wird der bisher anstrengendste des gesamten Weges. Fast 1000 Höhenmeter müssen wir auf steilen Treppenwegen hinab, die fast keinen Schutz vor der Mittagshitze bieten. Als wir ankommen, legen uns für einige Stunden zwischen den anderen Touristen an den Strand.Ich ertappe mich bei dem Gedanken, mir vorzustellen, wie schön es doch wäre hierzubleiben. Morgens an den Strand legen, mittags rumtrödeln und Eis essen, abends diversen Bars ausprobieren. Bevor ich schwach werde, raffe ich mich auf. Wir haben erst die Hälfte der heutigen Wegstrecke zurückgelegt und müssen weiter.

Nach der ausgedehnten Mittagspause ist der Anstieg nicht gerade leicht. Als Entschädigung bekommen wir aber wieder traumhafte Ausblicke auf diesmal fast menschenleeren Pfaden. Plötzlich zieht wieder Nebel auf und die Sicht wird schlechter. Der Touristenstrand von Positano ist nur noch eine entfernte Erinnerung. Haben wir uns wirklich erst vor einigen Stunden in der Sonne geräkelt?

Türkisblaues Wasser wie aus dem Bilderbuch

Nach einem anstrengenden erneuten Abstieg schaffen wir es doch noch unser Ziel zu erreichen, den Campingplatz Villagia Nettuno in der Nähe des Örtchens Nerano. Irgendwie schaffen wir es noch in das Restaurant und schleppen uns danach mit vollem Bauch in unser Mobilheim. Wir haben es fast geschafft: Morgen erreichen wir den westlichsten Punkt der Küste.

In der Frühe werden wir von strahlendem Sonnenschein geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück packen wir unsere Sachen. Dass wir mal wieder einen steilen Aufstieg als Start in den Tag haben, akzeptiere ich inzwischen. Um mich ein wenig zu trösten, stelle ich mir vor, was die Leute früher gemacht haben, bevor die Küstenstraße gebaut wurde.

Der Weg verläuft diesmal entlang einer steilen Klippe und schon eine Stunde später sehen wir den Pool des Campingplatzes weit entfernt unter uns in der Sonne glitzern. Die Aussicht vom Kamm ist traumhaft. Endlich, nach so vielen Tagen unter einem wolkenbedeckten Himmel, zeigt sich die Amalfiküste von ihrer schönsten Seite: Türkisblaues Wasser wie aus dem Bilderbuch, knorrige Olivenwäldchen an den Berghängen und ein Farbenmeer aus bunten Blumen am Wegesrand.

Ich werde wiederkommen!

Gegen Mittag erreichen wir Punta Campanella, den äußersten Zipfel der sorrentinischen Halbinsel. Das Meer ist voller Boote und in der Ferne erhebt sich die Insel Capri wie ein Traumgebilde aus dem Wasser. Auf der anderen Seite des Golfes sehen wir Neapel und den mächtigen Vesuv. Die Strapazen, die tausenden von Treppenstufen und das schlechte Wetter der vergangenen Tage, sind vergessen. Nun müssen wir noch weiter nach Sorrent. Auf einer alten Römerstraße laufen wir entlang des nördlichen Endes der Halbinsel. Als wir an einer Kirche vorbeikommen, lädt uns eine Frau spontan zu einer Besichtigung des Gewölbes ein und gibt uns belegte Brötchen für den Rest des Weges mit.

Während wir Sorrent immer näherkommen, denke ich an die letzten Tage zurück. Natürlich hätten wir auch einfach mit einem Auto von Ort zu Ort fahren können. Meine Knie wären mir dankbar dafür. Trotzdem bin ich froh darüber, dass wir die Strecke gelaufen sind. Wir haben nicht nur die touristische Oberfläche der Amalfiküste kennengelernt, sondern auch das abgeschiedene ländliche Herz dieser Region. Ich werde bestimmt wiederkommen – vielleicht kann ich dann die Küstenstraße mit dem Wohnmobil befahren.

Artikel von Selim Baykara

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