Elektroauto mit Wohnwagen - ans Meer Bild: © ADAC/Test und Technik

Elektroauto mit Wohnwagen: Im ADAC-Test über die Berge ans Meer

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Die wachsende Begeisterung für Elektroautos hat sich bislang nicht auf Camper übertragen. Zu groß ist die Skepsis mit einem Elektroauto und einem Wohnwagen eine Reise in Angriff zu nehmen. Der ADAC hat eine entsprechende Testfahrt unternommen und zieht hinsichtlich der Fahrqualität ein positives Fazit. Lediglich bei der Ladeinfrastruktur gibt es an einigen Stellen noch Nachholbedarf.

Inhaltsverzeichnis

Elektroautos gehört die Zukunft. Wie bei allen innovativen Produkten werden diese mit der Zeit leistungsfähiger und reichweitenstärker. Doch wie verhält es sich, wenn ein Campingurlaub am Meer geplant ist? Sind Elektrofahrzeuge schon in der Lage mit einem Anhänger die Berge zu überwinden?

Die Voraussetzungen haben sich gewandelt, denn mittlerweile gibt es mehrere Elektromodelle im mittleren Preissegment, die eine Zulassung für Anhängelasten von 1500 bis 1600 Kilogramm erhalten haben. Für den Test hat sich der ADAC für den Kia EV6 sowie den Familienwohnwagen Dethleffs Aero 470 FSK mit 1600 kg entschieden. Die Wahl auf den Kia EV6 fiel aufgrund seiner Einstufung in den Bereich der Mittelklassefahrzeuge und seiner technischen Voraussetzungen. Die 1.600 kg Anhängelast, die rund 400 km umfassende Reichweite sowie die 800 Volt Batterietechnologie mit der Möglichkeit diese innerhalb von 20 Minuten von 10 Prozent auf 80 Prozent zu laden, haben die Konkurrenz ausgestochen.

Für den Test in Frage kamen unter anderem der Tesla Model Y, der Volvo C/XC 40, der Polestar 2, BMW i4 und der Mercedes EQA 4Matic.

Der Kia EV6 wurde für den Test mit dem zulässigen Gesamtgewicht von 2.530 kg beladen.

Ausgangssituation – Warum dieser Fahrversuch?

Für zahlreiche Autofahrer ist eine Anhängerkupplung ein wichtiges Kaufkriterium für Fahrten zum Baumarkt, größere Anschaffungen oder eben für die Urlaubsreisen mit dem Wohnwagen. Elektroautos erwiesen sich in der Vergangenheit als ungeeignet, weil sich die Reichweite deutlich reduzierte und lange nur Fahrzeuge in der Oberklasse mit Anhängerkupplung und entsprechender Anhängelast erhältlich waren.

Mit dem EU-Verbot für Verbrennungsmotoren rücken Elektrofahrzeuge immer mehr in den Mittelpunkt und für Camper schien die Aussicht auf Ferien mit den Wohnwagen in weite Ferne zu rücken. Für den ADAC war dies der Anlass grundsätzlichen Fragen auf den Grund zu gehen:

  • Können Camper mit einem Familienauto mit Elektroantrieb und einem Wohnwagen einen Urlaub an das Mittelmeer unternehmen?
  • Wie schlägt sich das Elektroauto als Zugmaschine?
  • Welche Reichweite ist mit einem Wohnanhänger möglich?
  • Welche Besonderheiten gibt es beim Fahren und Rangieren mit einem Elektrofahrzeug zu beachten?
  • Was ist beim Laden des Fahrzeugs mit Anhänger zu beachten?

Test-Strecke von 1.300 km: Landsberg am Lech – Venedig – Villach

Um ein möglichst aussagekräftiges Urteil fällen zu können, haben die Tester des ADAC eine Gesamtstrecke von 1.300 Kilometer zurückgelegt und dabei verschiedene Straßenprofile, Wegbeschaffenheiten und diverse Herausforderungen gemeistert. Innerhalb von drei Tagen wurden vier unterschiedliche Länder durchquert.

Tag 1: Ausgehend vom ADAC Technik Zentrum in Landsberg am Lech über den Fernpass, den Brenner und durch die Dolomiten nach Cavallino-Treporti mit einer Gesamtstrecke von 532 km.
Tag 2: Am nächsten Tag führte der Weg von Cavallino-Treporti über Triest und Slowenien in Richtung Villach mit einer Strecke von 333 km.
Tag 3: Die letzte Etappe folgte dem Weg über die Tauernroute, Salzburg und München nach Landsberg am Lech mit 416 km.

Bei der Auswahl der Route wurde im Vorfeld anhand von Apps und weiteren Datenbanken ermittelt, wo passende Ladestationen und Lademöglichkeiten vorhanden sind. Der Campingplatz Cavallino-Treporti wurde aufgrund der Ladeoptionen von den Testern als Übernachtungsmöglichkeit ausgewählt.

Die ADAC-Tester zeigten sich begeistert vom Gespann:

Das Elektroauto selbst erwies sich als hervorragendes Zugfahrzeug. Mit seinen 239 kW und Allradantrieb hatte es zu keiner Zeit Mühe mit dem voll beladenen Wohnwagen, das Gespann ließ sich leichtfüßig bei Überholvorgängen oder die Passstraßen bergauf und bergab durch Serpentinen bewegen. Sehr angenehm und entspannend ist, dass dieses alles ohne Motorvibrationen, Schaltrucken und quasi geräuschlos erfolgt. Beim Fahren, Parken und Rangieren lässt sich der Elektroantrieb zudem sehr feinfühlig dosieren, die Rückfahrkamera war beim häufigen Ankuppeln des Wohnwagens hilfreich.

Ladestationen für ein Elektroauto mit Wohnwagen

Im Test hat sich herausgestellt, dass durch den höheren Stromverbrauch aufgrund des Wohnwagens Etappen mit einer Länge zwischen 180 und 200 km möglich waren.

Tag 1 mit Fernpass und Brenner

Am ersten Tag erwiesen sich die Ladestationen als sehr zuverlässig und der vermeintliche Zeitverlust beim Laden wurde durch den Vignettenkauf und passende Mahlzeiten kompensiert. Als mühsam erwies sich lediglich, dass der Wohnwagen für das Laden immer abgekoppelt werden musste.

Der erste Streckenabschnitt war zugleich der herausforderndste mit der Fahrt hinauf zum 1.202 Meter hohen Fernpass. Da bislang die Erfahrungswerte fehlten, wurde mit Spannung erwartet, wie sich der Anstieg auf die Reichweite auswirken würde. Der Ladestand von 37 Prozent gab keinen Anlass zur Sorge und hätte bis Innsbruck gereicht. Da aber ein Vignettenkauf notwendig war, wurde dies bereits mit einem Ladevorgang verbunden. Bei der Fahrt über den Brenner und das Pustertal in den Dolomiten war erst nach 186 km und einem Ladestand von 14 Prozent ein weiterer Halt notwendig. Nach dem ersten Tag konnte ein sehr positives Fazit gezogen werden.

Elektroauto mit Wohnwagen © ADAC/Test und Technik
Elektroauto mit Wohnwagen © ADAC/Test und Technik

Tag 2 – Italien und Slowenien mit Problemen

Sowohl in Slowenien als auch in Italien sind High-Power-Schnellladesäulen (HPC) noch rar. Deshalb wurde die Route entsprechend der Möglichkeiten ausgewählt. Gleich am ersten Ladepunkt in Slowenien konnte die Ladekarte aufgrund des fehlenden Roamingabkommens nicht genutzt werden und der an der Säule angebotene Bezahlvorgang ließ sich nicht realisieren. Der Anruf bei einer Hotline endete in der Warteschleife. Erst mit einer „Backup-Ladekarte“ konnte der Ladevorgang letztendlich dann gestartet werden.

In Ljubljana wartete die nächste böse Überraschung auf die Tester, denn die HPC-Säulen von Porsche waren außer Betrieb. Zum Glück war genügend Reichweite vorhanden, um die nächste Schnellladestation zu erreichen.

Tag 3 mit einer weiteren negativen Überraschung

Am dritten Tag erlebten die Tester erneut eine böse Überraschung, weil der gesamte Ionity Ladepark an der Tauern-Autobahn ohne Strom war. Um die nächste Ladestation zu erreichen, wurde sogar der bereits abgekoppelte Wohnwagen stehen gelassen und zu einem Schnelllader in der nächsten Stadt gefahren. Nach einem letzten
Ladevorgang am Chiemsee wurde letztendlich das Ziel in Landsberg am Lech mit einem Ladestand von 6 Prozent erreicht. Etwas Spannung war somit auch auf den letzten Kilometern des ADAC Tests geboten.

Elektroauto mit Wohnwagen unterwegs

Ladekosten für ein Elektroauto mit Wohnwagen

Auf der rund 1.300 km langen Strecke wurden insgesamt 522 kWh Strom geladen. Die Kosten für diese Strecke summierten sich auf 233 Euro. Dies entspricht 18,18 pro 100 km – dieser Wert ist vergleichbar mit dem Kostenaufwand eines Dieselfahrzeuges.

Je nach Station und Land variieren die Preise erheblich. Das Spektrum reichte von kostenlos bis maximal 79 Cent/kWh. Einmal wurde in Slowenien nach Zeitaufwand berechnet.
Bei den Kosten des Tests wurden Gebühren für die Maut und die Nutzung von Tunneln separat aufgeführt. Diese lagen bei 76 Euro.

Elektroauto mit Wohnwagen bedeutet 83 Prozent Mehrverbrauch

Camper müssen beim Mitführen eines Wohnwagens mit einem deutlich Mehrverbrauch des Zugfahrzeuges rechnen – unabhängig der Antriebsart. Im ADAC Test lag dieser beim Elektroauto bei rund 83 Prozent. Laut Angaben auf dem Bordcomputer ergab sich ein Verbrauch von 36,6 kWh/100 km. Dem gegenüber stehen die 20 kWh/100 km ohne Wohnwagen.

Bei der Fahrgeschwindigkeit haben sich die ADAC-Tester dem Fluss der LKWs angepasst, wobei langsamere Fahrzeuge überholt wurden. Je nach Tag und Strecke ergaben sich unterschiedliche Durchschnittsgeschwindigkeiten, die zwischen 62 km/h und 76 km/h lagen.

Von Momentaufnahmen zu Planbarkeiten

Selbstverständlich ist die durchgeführte Testfahrt als Momentaufnahme zu betrachten, die an anderen Tagen anders hätte verlaufen können. Doch ist hervorzuheben, dass die Testfahrt in der Nebensaison durchgeführt wurde und dementsprechend weniger Verkehr stattfand. Zur Hauptreisezeit müsste mit einer stärkeren Frequenz an Ladestationen gerechnet werden. Nicht unerheblich ist der Fakt, dass durch ein höheres Aufkommen weniger Platz für das Rangieren und Parken des Wohnwagens verfügbar wäre. Für Wohnwagentouren mit dem Elektroauto in Richtung Südeuropa ist grundsätzlich mehr Zeit einzuplanen.

In einigen Gebieten Deutschlands, der Niederlande und Skandinaviens ist die Schnellladeinfrastruktur an Autobahnen sehr gut entwickelt. Immer mehr Schnellladeparks bieten hier inzwischen auch Ladeplätze an, die sich auch für Gespanne eignen. Dadurch entfällt das aufwändige Ab- und Ankuppeln. In diesen Regionen hätte  eine Testfahrt vermutlich zu anderen Ergebnissen geführt.

Fazit des ADAC Tests – Elektroauto mit Wohnwagen

Wie bereits erwähnt, war der ADAC mit der Leistungsfähigkeit und dem Fahrverhalten des Gespanns sehr zufrieden. Die 83 Prozent Mehrverbrauch halten sich im Rahmen und auch die Reichweite mit knapp 200 km lässt eine solide Reiseplanung zu. Die relativ kurzen Ladevorgänge von rund 20 Minuten können mit Pausen effektiv vereinbart werden.

Es traten zwei wesentliche Probleme zu Tage, mit denen Inhaber von elektroautos immer wieder zu kämpfen haben. Das Direktbezahlen ohne eine entsprechende Ladekarte bereitet oft Probleme und es gab auf der Strecke zwei Totalausfälle von Ladestationen. Die Tester waren zwischenzeitlich darauf angewiesen, den Wohnwagen abzustellen, um mit der verbleibenden Reichweite die nächste Ladestation erreichen zu können. Solche Totalausfälle von Ladeparks und Probleme bei der Bezahlung sind nicht akzeptabel und verunsichern die Nutzer.

Author: Riko Wetendorf