Rundreise Estland: Roadtrip im Skandinavien des Baltikums

Artikel von: Selim Baykara (7 min Lesedauer) 07.08.2026

Lust auf Skandinavien, aber wenn möglich ein bisschen preiswerter? Dann ist eine Rundreise durch Estland genau richtig! Das nördlichste der baltischen Länder erinnert in vielerlei Hinsicht an Schweden oder Finnland – aber es bietet auch jede Menge Überraschungen. Wir stellen euch einen spannenden Roadtrip zum Selberfahren vor.

Inhaltsverzeichnis

Estland ist sicherlich eines der spannendsten Reiseländer Europas: Einerseits ist es klassisches Baltikum – viel Wälder, flaches Land, und die Ostsee als ständiger Begleiter – andererseits erinnert das nördlichste, kleinste und am dünnsten besiedelte der drei baltischen Länder an vielen Stellen an Finnland oder Schweden. Damit ist es wie gemacht für Entdeckungstouren auf vier Rädern – vor allem, wenn man dabei noch gerne seine Ruhe hat.

In diesem Artikel stellen wir euch eine spannende Rundreise vor, die einige der vielen Highlights von Estland zu einem erlebnisreichen Roadtrip verbindet. Auf dem Programm stehen tiefe Wälder, glasklare Seen und mystische Hochmoore und natürlich auch ein Abstecher an die teils überraschend spektakuläre Ostseeküste. Dazu gibt`s hübsche traditionelle Dörfer, eine interessante Kultur und jede Menge tolle Campingplätze. Also packt schon mal die Sachen – Estland hat einiges zu bieten!

Klippen auf der Insel Saaremaa. Bildquelle: Wikimedia Commons/ErikAbner

Praktische Tipps

Reisen in Estland sind denkbar entspannt: Das Straßennetz befindet sich in einem guten Zustand und dank der kompakten Größe des Landes sind die Fahrtstrecken zwischen den Highlights angenehm kurz. Dazu kommt ein weiteres Highlight: Sämtliche Straßen sind mautfrei, auch für Wohnmobile und Camper. Generell ist das Preisniveau in Estland etwas niedriger als in Westeuropa, ein Roadtrip fällt hier also deutlich günstiger aus als in den nahgelegenen skandinavischen Ländern.

Wie alle baltischen Länder ist Estland ein Vorreiter bei der Digitalisierung: Bezahlt wird so gut wie überall bargeldlos per Karte oder Smartphone – selbst für Kleinstbeträge wie ein Eis am Strand oder eine Cola beim Kiosk. Wenn wir gerade beim Thema sind: Für den täglichen Einkauf steuert ihr am besten bekannte Supermarktketten wie Rimi oder Maxima an. Die findet man auch in kleineren Städten, die Preise sind fair und sie bieten in der Regel eine gute Auswahl an Lebensmitteln.

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Traditionelle Campingplätze sind in Estland (noch) Mangelware, die Auswahl ist recht klein. Dafür gibt es zahlreiche schöne Unterkünfte, z.B. familiäre Pensionen in umgebauten Bauernhäusern oder gemütliche Landpensionen mit eigener Holzsauna. Außerdem gibt es ein riesiges Netzwerk an einfachen, aber wunderschönen Naturstellplätzen der Forstverwaltung RMK (ca. 350).  Diese legalen Übernachtungsplätze liegen mitten im tiefsten Wald, an einsamen Seen oder direkt an der Ostseeküste und sind meist mit sauberen Trockentoiletten, überdachten Sitzbänken und sogar gratis bereitgestelltem Brennholz für den abendlichen Grillplatz ausgestattet.

Praktische Informationen zur Rundreise
Route Tallin ➔ Lahemaa-Nationalpark ➔ Narva ➔ Kauksi (Peipussee) ➔ Kallaste ➔ Zwiebelroute (Kolkja & Varnja) ➔ Schloss Alatskivi ➔ Tartu ➔ Põltsamaa ➔ Imavere ➔ Viljandi ➔ Soomaa-Nationalpark ➔ Pärnu ➔ Virtsu (Fähre) ➔ Saaremaa ➔ Triigi (Fähre) ➔ Hiiumaa ➔ Heltermaa (Fähre) ➔ Rohuküla ➔ Haapsalu ➔ Rummu ➔ Tallin
Strecke ca. 900 km
Fahrtzeit 10-12 Tage
Highlights Viru-Moor im Lahemaa-Nationalpark, Zwiebelroute am Peipussee, Steilklippen von Panga, Rummu-Unterwassergefängnis
Beste Reisezeit Mai - September, im Juli und August gelegentliche Schauer
Maut keine allgemeine Mautpflicht für PKW, Motorräder oder Wohnmobile bis 3,5 Tonnen

Von Tallin in den wilden Norden

Unser Roadtrip beginnt in der hanseatischen Metropole Tallin, die Hauptstadt fasziniert mit ihrem Spagat zwischen Mittelalter und digitaler Zukunft. Auf der einen Seite die kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt, auf der anderen Seite hochmoderne Kreativviertel wie Telliskivi – einen Stadtbummel sollte man sich daher auf jeden Fall gönnen. Danach geht es aber schnell in das grüne Herz des Landes. Unser erstes Ziel: Der Lahemaa-Nationalpark – ein Naturparadies aus dichten Urwäldern und rauen Küstenlandschaften. Besonders sehenswert sind die Findlinge an der Küste von Altja und das mystische Viru-Moor, dessen glasklare Moorseen wir auf gut gepflegten Holzstegen durchqueren können.

Campingplatz-Tipp: Mereoja Camping

Anschließend geht es weiter Richtung Osten, wo die mächtige Hermannsfestung in der Grenzstadt Narva wie ein steinerner Wächter direkt an der russischen Grenze thront. Ein weiteres landschaftliches Juwel wartet kurz darauf am gigantischen Peipussee: Vor allem die Küste bei Kauksi bietet einen kilometerlangen, feinen Sandstrand, vielleicht den schönsten von Estland. Zusammen mit den schattigen Kiefernwäldern kommt da fast schon ein bisschen Riviera-Feeling auf. Toll ist auch die Weiterfahrt über Kallaste entlang der sogenannten Zwiebelroute. In traditionellen Dörfern wie Kolkja und Varnja scheint die Zeit stillzustehen, das schneeweiße, neugotische Schloss Alatskivi gleicht einem architektonischen Traumgebilde.

Küstenlandschaft im Lahemaa Nationapark. Bildquelle: Wikimedia Commons/Diego Delso

Ordensburgen, Hansestädte und echte Urwälder

Die Reise führt uns nun südlich in die lebendige Universitätsstadt Tartu, die studentische Leichtigkeit mit einigen interessanten Sehenswürdigkeiten verbindet, z.B. dem alternativen Holzhausviertel Supilinn und dem interaktiven Nationalmuseum. Durch das sanft gewellte südestnische Hügelland geht es dann vorbei an den romantischen Schlossruinen von Põltsamaa und dem interaktiven Milchwirtschaftsmuseum in Imavere. Unser nächstes Ziel ist das gemütliche Städtchen Viljandi. Die auf mehreren Hügeln thronende Hansestadt bietet mit der gewaltigen Ordensburgruine Fellin einen fantastischen Logenplatz mit Traumblick auf den glitzernden Viljandi-See.

Campingplatz-Tipp: Camping Sammuli

Nur einen Katzensprung entfernt erwartet uns die Wildnis des Soomaa-Nationalparks, eine urwüchsige Welt aus weiten Hochmooren und träge mäandernden Waldflüssen. Hier verabschieden wir uns vom Asphalt und gleiten im Kanu durch ein Reich, das von Bibern und seltenen Vogelarten beherrscht wird. Der Nationalpark ist weltberühmt für seine mystische „fünfte Jahreszeit“, in der das Schmelzwasser die Wälder flutet. Aber auch im Sommer bieten die weitläufigen Wanderwege pure Entschleunigung im tiefen Grün.  Im Sommer-Badeort Pärnu mit seinen eleganten Holzhäusern empfängt uns dann wieder die Zivilisation.

Kanuverleih im Soomaa-Nationalpark. Bildquelle: Wikimedia Commons/Jürgen Regel

Insel-Hopping par excellence: Saaremaa und das unberührte Hiiumaa

Um den Rückweg nach Tallin etwas interessanter zu gestalten, bietet sich ein kleines Insel-Hopping-Abenteuer an. Dazu nehmen wir die moderne Autofähre in Virtsu, kurze Zeit später betreten wir mit Saaremaa die größte Insel des Landes – ein Paradies aus weitläufigen Wacholderheiden und windgepeitschten Küsten. In der Inselhauptstadt Kuressaare zieht uns die mächtige, bestens erhaltene Bischofsburg in ihren Bann. Im Inselinneren bieten der kreisrunde, sagenumwobene Kaali-Meteoritenkrater und die historischen Windmühlen von Angla tolle Fotomotive. Bevor wir weiterziehen, genießen wir an den spektakulären, steil abfallenden Panga-Klippen im Norden die unendliche Weite der Ostsee – am besten natürlich pünktlich zum Sonnenuntergang.

Campingplatz-Tipp: Camping Tehumardi

Statt direkt zurück zum Festland zu fahren, setzen wir das Insel-Abenteuer noch ein bisschen fort und setzen vom kleinen Hafen Triigi auf die noch unberührtere Nachbarinsel Hiiumaa über. Das Eiland ist ein echtes Refugium für Naturfans, geprägt von tiefen Kiefernwäldern und einsamen, weißen Sandstränden an der Nordwestküste. Wir erkunden die Halbinsel Kõpu, auf der einer der ältesten Leuchttürme der Welt seit über 500 Jahren stoisch den Seefahrern den Weg weist, und beobachten am windgepeitschten Surfer-Kap Ristna die rauen Wellen, die hier ungebremst an die Küste donnern.

Prächtige Architektur in Haapsalu. Bildquelle: Wikimedia Commons/Ivar Leidus

Zwischen kaiserlicher Romantik und sowjetischen Geisterwelten

Zurück auf dem Festland empfängt uns das kaiserliche Seebad Haapsalu, das mit seinen verschnörkelten Holzvillen des 19. Jahrhunderts viel Charme verströmt und sofort verzaubert. Ein absoluter Pflichtstopp ist der historische Bahnhof, der einst für den russischen Zaren gebaut wurde und mit dem längsten überdachten Bahnsteig Europas beeindruckt. Die imposante Bischofsburg im Stadtzentrum lädt zu einem entspannten Spaziergang durch alte Gemäuer ein,  stärken können wir uns in den vielen, gemütlichen Cafés.

Campingplatz-Tipp: Roosta Erholungsdorf

Auf dem letzten Abschnitt Richtung Norden erwartet uns mit dem gefluteten Steinbruch von Rummu noch einmal ein echtes Highlight. Wo einst ein sowjetisches Gefängnis stand, ragen heute verfallene Ruinen wie Eisberge aus Beton aus dem türkisblauen, glasklaren Wasser – die Kulisse wirkt fast schon surreal und ist ein Paradies für Stand-Up-Paddler und Taucher gleichermaßen. Nach einer letzten, tiefenentspannten Nacht an einem einsamen Waldsee ist es dann nur noch ein kurzes Stück bis Tallin. Hier schließt sich der Kreis unseres Roadtrips.

Artikelbild: Wikimedia Commons/Diego Delso

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