Camper Stories

Mit Mountainbike und Familie zum Camping nach Tasmanien

Christian Textor alias Texi – der breiten Masse mag dieser Name vielleicht nicht geläufig sein, in der Enduro-Mountainbike-Szene ist der zweifache Deutsche Meister hingegen ein Sternchen am Radsport-Himmel. Der 28-Jährige braust für sein Leben gern steile Abhänge und enge, waldige Strecken hinunter. Sein Gegner? Die Zeit. Vor Kurzem hat der Leistungssportler und Familienvater sein Können auf dem Enduro-Bike in Neuseeland und Tasmanien unter Beweis gestellt. Sein größter Support vor Ort: seine Frau Katrina. Sie und der knapp 2-jährige Sohn Theo haben den Deutschen Meister bis ans andere Ende der Welt begleitet. Grund genug für Christian, nach dem letzten Rennen noch einen entspannten Familien-Campingtrip durch Tasmanien dranzuhängen. Kaum in Deutschland zurück, hat er mit unserer Autorin über seine Camping-Erfahrung in der Wildnis und seinen Weg in den Radsport gesprochen.

Foto: Boris Beyer

Christian, campen in Tasmanien klingt nach Abenteuer. Wie war's?

Atemberaubend! Wobei das Campen in Tasmanien zunächst aus der Not heraus entstanden ist. Wenn irgendwo ein Enduro-Rennen ansteht, suchen wir uns in der Regel eine Ferienwohnung in der Nähe der Rennstrecke. In Tasmanien waren die Unterkünfte aber super schnell ausgebucht, sodass wir, für diese Zeit, in einem Wohnmobil leben mussten – im Nachhinein die beste Entscheidung.

Warum?

Nach dem Rad-Rennen konnten wir ganz frei entscheiden, welche Route wir fahren und wo wir stehen bleiben. Wir waren an neun verschiedenen Orten in zehn Tagen. Die Campingplätze haben wir uns immer per Smartphone am jeweiligen Tag reserviert. Das ist die beste Art, diese wunderschöne Insel vor Australien zu erkunden. Selbst finanziell sind wir mit dem Wohnmobil günstiger weggekommen als es mit einer Ferienwohnung samt Mietwagen der Fall gewesen wäre.

Beim Campen hat man zwar weniger Platz, aber dafür mehr Reisefreiheit.

Genau. Und unser 2-jähriger Sohn Theo hat im Wohnmobil so super mitgemacht, dass die Wohnbedingungen letztlich sehr entspannt waren. Das Land ist auf Camper vorbereitet. Die Natur dort ist noch recht unberührt und es gibt Campingplätze ohne Ende. Kostenfreie Plätze sind sehr einfach gehalten, kostenpflichtige gibt’s für rund 15 Euro am Tag. Meist sind diese Campingplätze mitten im Nationalpark und der Parkeintritt ist da schon mit drin. Eine Herausforderung waren jedoch die Straßenverhältnisse. Die Straßen dort sind oft recht eng.

Dein Sohn Theo wächst ja quasi mit dem Campen auf – warst du als Kind auch mit deinen Eltern campen?

Ja. Ich bin der Jüngste von fünf Kindern und war in meiner Kindheit in der privilegierten Position, dass ich mit meiner Familie in den Urlaub fahren konnte. Wir hatten früher einen Wohnwagen und sind etwa bis nach Spanien an die Küste gefahren. Camping ist nichts Fremdes für mich. Und als ich vor ein paar Jahren mit den Rad-Rennen angefangen habe, habe ich hinten im Auto oder in einem Bus geschlafen. Meist war ich mit Kumpels unterwegs. Tagsüber auf dem Rad und abends am Lagerfeuer abhängen, grillen, Bier trinken – das hatte richtig Festival-Charakter. Je professioneller die Rennen wurden, desto professioneller wurde auch meine Schlafunterkunft.

Du bist zweifacher Deutscher Meister in der Sportart Enduro-Mountainbike. Fährst du als Einzelperson oder im Team?

Das Rennen selbst fahre ich allein. Ich gegen die Uhr. Aber ich gehöre auch zu einem Team – ähnlich wie ein Rennstall im Motorsport. Ich bin Teil des „Bulls“-Teams. Der Kölner Bike-Hersteller ist seit vielen Jahren mein Sponsor.

Wurde dir normales Fahrradfahren irgendwann zu langweilig?

Gute Frage. Ich glaube, dass jeder in sich eine Leidenschaft für etwas trägt, sei es eine Sportart, ein Musikinstrument oder eine andere Kunstform. Ich glaube, wenn man anfängt, seine Passion zu entdecken, möchte man mehr davon. Bei mir hat das mit Fahrradfahren angefangen. Das Rad war mein liebstes Spielzeug. Statt mit den anderen Fußball zu spielen, saß ich auf dem Fahrradsattel.

Foto: Boris Beyer

Und wie ist diese Leidenschaft weiter gewachsen?

In Filmen und im Fernsehen habe ich irgendwann gesehen, dass es Leute gibt, die mit ihrem Fahrrad durch die Gegend springen und andere verrückte Dinge tun. Das wollte ich auch ausprobieren! So habe ich mich stetig weiter entwickelt. Heute ist Enduro für mich normales Fahrradfahren.

Kommt es also schon mal vor, dass du auf deinem Enduro-Bike die Sonntagsbrötchen holst?

Tatsächlich ist mein Fahrrad auch ein Alltagsgerät für mich. Wir kaufen oft ein und erledigen Dinge mit dem Rad. Mittlerweile ist es ja auch mein Hauptberuf.

Und seit wann verdienst du mit dem Radsport deine Brötchen?

Seit 2017. Das war ein schleichender Prozess. Den Mechatroniker-Beruf, den ich gelernt habe, wurde stetig weniger. Das Radfahren nahm hingegen zu. Damit Geld zu verdienen – damit habe ich mir definitiv einen Traum erfüllt! Aber ich habe niemals aus diesem Grund mit dem Fahrradfahren angefangen. Ich denke, ich bin bis hierher gekommen, weil Fahrradfahren mir in erster Linie einfach Spaß macht.

Dein Bike ist ständiger Begleiter – wie geht deine Familie damit um?

Der Radsport gehört zu unserem Leben dazu. Meine Frau Katrina hat mich als Radfahrer kennen gelernt – dementsprechend wusste sie, worauf sie sich eingelassen hat! (lacht) Auch sind viele unserer Freundschaften über den Sport entstanden. Insofern spielt er für uns eine große Rolle. Für meine Mama war es zunächst schwierig, als sie mitgekriegt hat, dass ich wilde Sachen auf dem Fahrrad mache. Aber auch sie hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Zumal sie weiß: Ich steige nicht kopflos aufs Rad, sondern kalkuliert. Ich weiß ganz genau, was ich tue.

Foto: Boris Beyer

Wie bereitest du dich auf ein Rennen vor?

Bei den Weltmeisterschaften habe ich die Möglichkeit, jede Rennstrecke – in der Fachsprache sagen wir Stage – einmal vorher abzufahren und sie auch zu Fuß zu begehen, mir Schlüsselstellen anzuschauen und sie gegebenenfalls mit dem Rad mehrmals abzufahren. Ich arbeite mit einer Helmkamera. Das heißt, ich nehme alles auf, was ich mache. Abends schaue ich mir alle Stages genau an. Das hilft dem Gehirn, die Stellen im Rennen schnellstmöglichst wiederzuerkennen. Kein Mensch kann sich jede Wurzel oder jeden Stein merken, aber es ist beeindruckend wie gut der Kopf funktioniert. Wenn ich an eine Stelle komme, weiß ich ziemlich schnell, was ich tun muss, weil die Bilder dann wieder da sind. Man muss im entsprechenden Moment funktionieren und kann nicht mehr darüber nachdenken, ob man nun schalten oder bremsen muss. Das sind Automatismen, die ich abrufe – da ist sehr oft viel Denksport dabei.

Foto: Boris Beyer

In deiner Disziplin musst du also auch mental fit und gesund sein. Was gibt dir Kraft?

Mein Glaube an Gott. Ich glaube, dass Gott seine Hand über mich hält – auch wenn ich Rad fahre. Das ist natürlich kein Freifahrtschein, um irgendwelche Dummheiten zu begehen. Denn, ich glaube auch, dass Gott uns Menschen einen Kopf zum Nachdenken gegeben hat. Mein Glaube hilft mir auch, den Leistungsdruck als solchen locker zu nehmen.

Inwiefern?

Ich mache meine Identität nicht an Tabellenergebnissen fest. Ich weiß, dass ich ein wertgeschätzter und geliebter Mensch von Gott bin. Dieses Wissen gibt mir auch die Kraft, mit Niederlagen gut umzugehen. Für viele Leute bricht ja oft eine Welt zusammen, wenn es mal nicht so rund läuft. Natürlich bin ich als Sportler sauer oder traurig, wenn ich es vermasselt habe – das ist auch völlig normal und wichtig, um daraus zu lernen – , aber ich weiß, dass mich das nicht ausmacht. Mein Glaube macht mich aus. Und meine Werte. Insofern habe ich damit auch die Möglichkeit, mental das ganz anders anzugehen.

Wobei der Mensch ja immer ein stückweit mit sich selbst kämpft. Und Leistungsdruck ist etwas menschliches.

Ja,es ist eine gewisse Motivation, um wieder Vollgas zu geben. Wenn man nur so larifari Dinge tun würde, käme man auch nicht weiter. Und die Ergebnisse sind natürlich wichtig, weil dahinter Sponsoren stehen. Aber man muss auch realistisch sein. Ich werde ja nicht ewig gleich gut fahren können. Und ich glaube, gerade im Leistungssport klammern sich viele an ihre Ergebnisse. Dabei kommt der Spaß an der Sache abhanden. Das ist tragisch, denn mit der Freude an der Sache hat alles begonnen.

Lebst du das auch deinem Sohn vor?

Ich habe die große Motivation, meinem Kind folgende Lebensweise vorzuleben: Finde deine Leidenschaft, hör auf dein Herz und lebe danach. Versauere aber nicht in einem System oder einem Job, auf den du keinen Bock hast. Man soll das machen, wovon man träumt!

Foto: Boris Beyer

Ihm das vorzuleben ist vermutlich das Beste, was du deinem Kind mitgeben kannst.

Gerade in unserer deutschen Struktur bekommt man oft Gegenwind, wenn man seinen Job kündigt und erst einmal reisen will. Ich habe das gemacht. Und das waren letztlich auch die ersten Schritte, die ich im Radsport gemacht habe. Plötzlich wurden Leute auf mich aufmerksam, weil ich öfters mein Können auf dem Bike bewiesen habe. Irgendwann kam auch der erste Sponsor. Es hätte ja auch anders laufen können. Aber wenn man seine Träume leben will, muss man auch bereit sein, ein gewisses Risiko einzugehen.

Nach dem Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?

So ist es. Im schlimmsten Fall, hat man Lebenserfahrung gewonnen.

Du kannst es bestimmt kaum abwarten deinem Sohn das Fahrradfahren beizubringen, oder? (lacht) Das schon, aber ich möchte mich da zurückhalten. Meine Eltern zum Beispiel hatten mit dem Radsport gar nichts am Hut. Zwar ist mein älterer Bruder früher viel Fahrrad gefahren, aber meine Leidenschaft habe ich für mich entdeckt. Und genauso möchte ich meinem Sohn den Freiraum geben, herauszufinden, was ihm Spaß macht.

Foto: Boris Beyer

Christian, vielen Dank für das Gespräch!

Interview von Iunia Mihu

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